Warum du aufhören solltest, dich mit Vorwürfen zu überziehen
Es gibt Frauen, die führen seit Jahren einen Prozess gegen sich selbst.
Nicht vor Gericht.
Im eigenen Kopf.
Die Anklage lautet fast immer ähnlich.
Zu wenig Disziplin.
Zu wenig Konsequenz.
Zu wenig Wille.
Zu wenig Ehrgeiz.
Zu wenig Charakter.
Der Schuldspruch steht oft schon fest, bevor überhaupt Beweise erhoben werden.
Und so wird jede liegengebliebene Aufgabe zur Bestätigung.
Jeder verschobene Anruf.
Jede unbeantwortete E-Mail.
Jedes Projekt, das nicht fertig wird.
Sie alle wandern in die Akte.
Wieder ein Beweis.
Wieder ein Indiz.
Wieder ein Argument dafür, dass mit einem selbst etwas nicht stimmt.
Doch was wäre, wenn die Anklage auf einer falschen Annahme beruht?
Was wäre, wenn du nicht an mangelnder Disziplin leidest, sondern an einem chronisch überforderten Nervensystem?
Das klingt zunächst unspektakulär.
Ist es aber nicht.
Denn ein erschöpftes Nervensystem verändert die Art, wie ein Mensch die Welt erlebt.
Entscheidungen werden schwerer.
Anfänge werden schwerer.
Veränderungen werden schwerer.
Nicht weil die Person schwächer geworden wäre.
Sondern weil ihr System begonnen hat, Energie wie ein knappes Gut zu behandeln.
Die meisten Menschen stellen sich Erschöpfung falsch vor.
Sie glauben, Erschöpfung bedeute Müdigkeit.
Doch ein erschöpftes Nervensystem ist oft gar nicht müde.
Es ist beschäftigt.
Beschäftigt damit, Risiken zu kalkulieren.
Beschäftigt damit, Unsicherheiten zu bewerten.
Beschäftigt damit, Kontrolle aufrechtzuerhalten.
Beschäftigt damit, die Welt vorhersehbar zu machen.
Es arbeitet ununterbrochen.
Nur nicht an den Dingen, die auf deiner To-do-Liste stehen.
Deshalb entsteht dieser merkwürdige Zustand, den viele Frauen nur zu gut kennen.
Man fühlt sich erschöpft und gleichzeitig angespannt.
Leer und gleichzeitig überlastet.
Ruhebedürftig und gleichzeitig unfähig, wirklich zur Ruhe zu kommen.
Von außen wirkt das wie fehlender Antrieb.
Von innen fühlt es sich eher an, als würde ständig irgendetwas im Hintergrund laufen und Ressourcen verbrauchen.
Wie ein Programm, das man nie geöffnet hat und das dennoch den gesamten Akku leert.
Vielleicht liegt genau hier der Denkfehler.
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht:
„Wie kann ich mich endlich dazu bringen, mehr zu leisten?“
Vielleicht lautet sie:
„Warum ist mein System gezwungen, so viel Energie für bloßes Funktionieren aufzuwenden?“
Denn dort, wo die Selbstvorwürfe enden, beginnt oft etwas viel Interessanteres.
Neugier.
Verständnis.
Handlungsspielraum.
Und manchmal die Erkenntnis, dass hinter der vermeintlichen Faulheit etwas völlig anderes verborgen lag:
Ein Mensch, der seit langer Zeit mehr Kraft aufbringt, als irgendjemand von außen erkennen kann.
